Dr. Olaf Thomsen
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Olaf Thomsen (Herausgeber)

Georg Wilhelm Friedrich Hegel
Von den Sandbänken der Endlichkeit
Ein Sprüchebuch

1. Auflage 1998
Talpa-Verlag
ISBN: 3-933689-01-5



Leseprobe



Wir haben allerhand Rumor im Kopfe und auf dem Kopfe; dabei lässt der deutsche Kopf eher seine Schlafmütze ganz ruhig sitzen und operiert innerhalb seiner.
Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, 20/332


Wir sind als tiefe, jedoch nicht selten unklare Denker bekannt; wir wollen die innerste Natur der Dinge und ihren notwendigen Zusammenhang begreifen; daher gehen wir in der Wissenschaft äußerst systematisch zu Werke; nur verfallen wir dabei mitunter in den Formalismus eines äußerlichen, willkürlichen Konstruierens. Unser Geist ist überhaupt mehr als der irgendeiner anderen europäischen Nation nach innen gekehrt. Wir leben vorzugsweise in der Innerlichkeit des Gemüts und des Denkens. In diesem Stillleben, in dieser einsiedlerischen Einsamkeit des Geistes beschäftigen wir uns damit, bevor wir handeln, erst die Grundsätze, nach denen wir zu handeln gedenken, sorgfältigst zu bestimmen. Daher kommt es, dass wir etwas langsam zur Tat schreiten, mitunter in Fällen, wo schneller Entschluss notwendig ist, unentschlossen bleiben und, bei dem aufrichtigen Wunsche, die Sache recht gut zu machen, häufig gar nichts zustande bringen.
Enzyklopädie, 10/69


In ewigem Widerspruch zwischen dem, was sie fordern, und dem, was nicht nach ihrer Forderung geschieht, erscheinen sie nicht bloß tadelsüchtig, sondern, wenn sie bloß von ihren Begriffen sprechen, unwahr und unredlich, weil sie ihre Begriffe von dem Recht und den Pflichten die Notwendigkeit setzen, aber nichts nach dieser Notwendigkeit geschieht und sie selbst so sehr hieran gewöhnt sind, teils dass ihre Worte den Taten immer widersprechen, teils dass sie aus den Begebenheiten ganz etwas anderes zu machen suchen, als sie wirklich sind, und die Erklärung derselben nach gewissen Begriffen zu drehen.
Die Verfassung Deutschlands, 1/464


Der Mensch, insofern er wirklich sein will, muss dasein, und zu dem Ende muss er sich begrenzen. Wer gegen das Endliche zu ekel ist, der kommt zu gar keiner Wirklichkeit, sondern er verbleibt im Abstrakten und verglimmt in sich selbst.
Enzyklopädie, 8/197


Die Selbsterkenntnis in dem gewöhnlichen trivialen Sinn einer Erforschung der eigenen Schwächen und Fehler des Individuums hat nur für den Einzelnen – nicht für die Philosophie – Interesse und Wichtigkeit, selbst aber in Bezug auf den Einzelnen um so geringeren Wert, je weniger sie sich auf die Erkenntnis der allgemeinen intellektuellen und moralischen Natur des Menschen einlässt und je mehr sie, von den Pflichten, dem wahrhaften Inhalt des Willens absehend, in ein selbstgefälliges Sichherumwenden des Individuums in seinen ihm teuren Absonderlichkeiten ausartet. – Dasselbe gilt von der gleichfalls auf die Eigentümlichkeiten einzelner Geister gerichteten so genannten Menschenkenntnis. Für das Leben ist diese Kenntnis allerdings nützlich und nötig, besonders in schlechten politischen Zuständen, wo nicht das Recht und die Sittlichkeit, sondern der Eigensinn, die Laune und Willkür der Individuen herrschen, – im Felde der Intrigen, wo die Charaktere nicht auf die Natur der Sache sich stützen, vielmehr durch die pfiffig benutzte Eigentümlichkeit anderer sich halten und durch dieselben ihre zufälligen Zwecke erreichen wollen.
Enzyklopädie, 10/10