Dr. Olaf Thomsen
← Zurück

Olaf Thomsen (Herausgeber)

Georg Wilhelm Friedrich Hegel
Von den Sandbänken der Endlichkeit
Ein Sprüchebuch

1. Auflage 1998
Talpa-Verlag
ISBN: 3-933689-01-5



Ich glaube, er wollte gar nicht verstanden sein, und daher sein verklausulierter Vortrag, daher vielleicht auch seine Vorliebe für Personen, von denen er wusste, dass sie ihn nicht verständen, und denen er umso bereitwilliger die Ehre seines näheren Umgangs gönnte.
Heinrich Heine


Nie hatte ich Gelegenheit an Hegel zu beobachten, was andere von ihm behaupten: er sei im Studierzimmer schwer verständlich und dunkel, wie auf dem Katheder.
Karl Cäsar v. Leonhard


Stockend schon begann er, strebte weiter, fing noch einmal an, hielt wieder ein, sprach und sann, das treffende Wort schien für immer zu fehlen, und nun erst schlug es am sichersten ein, es schien gewöhnlich, und war doch unnachahmlich passend, ungebräuchlich und dennoch das einzig rechte; das Eigentlichste schien immer erst folgen zu sollen, und doch war es schon unvermerkt so vollständig als möglich ausgesprochen.
Heinrich Gustav Hotho


Vorwort

Hegels Philosophie gilt als humorlos, verwinkelt und dialektisch dürr: „Wer nur Erbauung sucht, wer die irdische Mannigfaltigkeit seines Daseins und des Gedankens in Nebel einzuhüllen und nach dem unbestimmten Genusse dieser unbestimmten Göttlichkeit verlangt, mag zusehen, wo er dies findet; er wird leicht selbst sich etwas vorzuschwärmen und damit sich aufzuspreizen die Mittel finden. Die Philosophie aber muss sich hüten, erbaulich sein zu wollen.“ Nichts scheint einem Menschen weniger ähnlich. Hegels Paragraphen machen Angst oder fordern Spott. Oft genug wurde er auch durch Zeitgenossen als in der Gangart gravitätisch, in der Person hölzern und in der Sprache trocken beschrieben.

Der Meister hasste das „Herüberundhinüberschweifen, ein Kreuzundquerfahren subjektiver Äußerungen, Ansichten und Benehmungen, durch welche der Autor sich selbst wie seine Gegenstände preisgibt. Die natürliche Täuschung hierbei ist, es sei ganz leicht, über sich selbst und das Vorhandene Schwänke und Witze zu machen, und so wird denn häufig nach der Form des Humoristischen gegriffen; aber es geschieht auch ebenso häufig, dass der Humor platt wird, wenn sich das Subjekt in dem Zufall seiner Einfälle und Späße gehenlässt, die lose aneinandergereiht ins Unbestimmte ausschweifen und das Heterogenste oft mit absichtlicher Bizarrerie verknüpfen.” – Wer das sagt, bei dem scheint sich aller Humor schon früh entleibt zu haben.

Unsere Auswahl belegt das Gegenteil. In Hegels Werk verstecken sich Kleinodien, die über anderthalb Jahrhunderte Menschen hätten schlicht unterhalten können. Ab und an erwacht beim Lesen sogar der Eindruck, plötzlich habe da ein Mensch aus Fleisch und Blut zu uns gesprochen: ein Attribut, das gerade Hegel nur selten zugesprochen wird. – Und doch ist es so.

Der stille, fleißige und in sich gekehrte Denker präsentiert sich im vorliegenden Buch als der durchaus witzige und treffende Unterhalter, den ihm keiner gönnen will. Natürlich blitzt sein kompliziert strukturiertes System hier und da auf, aber nicht so sehr, dass die Passagen unlesbar würden. Was er über die Deutschen, den Menschen oder die Liebe zu sagen hat, ist zitierfähig.

Das Aphoristische ist für Hegel ein viel zu dürftiger Boden. Diese Auswahl ist daher kein Spiegel seines Systems. Was hier getan wird, wäre dem Philosophen ganz sicher zu weit gegangen: Seine Worte erscheinen oft in einem anderen Licht als dem, das er ihnen ursprünglich zugemessen hatte. Gerade darin liegt der Reiz. Nur so kann der gedankenstrenge Philosoph einmal etwas unverbindlicher präsentiert werden: als ein Spruchbeutel.

Dennoch: Inmitten dieser fröhlichen Sammlung kommt ab und zu ein Ernst auf, der uns an die Größe eines Mannes erinnert, dessen Denken den Höhepunkt der klassischen deutschen Philosophie ausmachte.

Mitarbeiter des Hegel Institutes für philosophische Bildung und Forschung Berlin e.V. haben zur Gestaltung dieser Auswahl viele wichtige Hinweise gegeben oder an der Fertigstellung des Bandes mitgewirkt. Für ihre Mühe wird ihnen ausdrücklich gedankt: Astrid Bothe, Lutz-Rüdiger Hamann, Ludwig Martienssen, Heidemarie Mettel, Rudolf Schoob, Winfried Schoop.

Olaf Thomsen


Inhaltsverzeichnis ansehen
Leseprobe ansehen